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Latein am IKG

Wenn man die Erfahrungen mit dem Fach Latein, die die Eltern oder gar Großeltern der jetzigen Schülergeneration gemacht haben, mit dem vergleicht, was die Schüler heute als Lateinunterricht erleben, dann gehört das Fach Latein sicher zu den Fächern, die sich in den letzten drei Jahrzehnten am stärksten gewandelt haben.


1. Ältere und neuere Didaktik

Lateinunterricht früher, das hieß für manch einen: einseitige Konzentration auf die grammatischen Strukturen der Sprache auf Kosten des Inhalts lateinischer Texte verbunden mit erheblichem Lernaufwand. Dass das Fach dennoch einen recht unangefochtenen Platz im gymnasialen Bildungswesen hatte, lag einerseits an der das Gymnasium stark prägenden humanistischen Bildungstradition, andererseits an der Rolle des Latinums als Studienvoraussetzung für viele Fächer.

Natürlich erschöpfte sich das Fach auch früher nicht im Erkennen eines ablativus absolutus oder im sturen Pauken von Stammformen. Vor allem in der Oberstufe wird manch einem Schüler deutlich geworden sein, dass die Lateinischen Texte der Antike nicht zu Unrecht ihren Platz im gymnasialen Bildungskanon haben. Dennoch wird man kaum bestreiten können, dass das Lateinische lange von einer Dominanz des Formal-Grammatischen geprägt war, während die eigentliche Funktion der Sprache, die textgebundene Vermittlung von Inhalten, in den Hintergrund trat. Das zeigt auch ein Blick in ältere Lehrwerke, wo sich die beherrschende Stellung des Grammatischen schon dadurch zeigt, dass neue grammatische Phänomene an meist zusammenhanglosen, teilweise geradezu inhaltsleeren Einzelsätzen eingeführt wurde (typisches Beispiel aus der Ars Latina, Bd. I, Lektion 18: Pulchritudo silvarum et camporum nos delectat. – Die Schönheit der Wälder und Felder erfreut uns. o. Lektion 21: Honor onus est. Lydus magnum onus capite portat. – Ruhm ist eine Bürde. Ein Lyder trägt eine große Last auf dem Kopf.).

Vor allem die Gefahr einer einseitigen Konzentration auf die formale Grammatik hat dazu geführt, das Konzept des Lateinunterrichts gründlich zu überdenken. Das Resultat der fachdidaktischen Bemühungen der letzten dreißig Jahre ist eine Hinwendung zu den Inhalten lateinischer Texte und damit verbunden ein Verständnis der Grammatik als notwendiges Hilfsmittel zur Texterschließung, nicht aber als Selbstzweck. Diese Erkenntnis, die guten Lateinlehrern schon immer bewusst war, bestimmte dann auch die Gestaltung neuer Lehrbücher. Während etwa die Ars Latina in Lektion 1 über ein „agricola arat – der Bauer pflügt" nicht hinauskommt, bietet das zur Zeit am IKG verwendete Lehrwerk "Cursus" schon in Lektion 1 einen zusammenhengenden Text, der das römische Landleben zum Gegenstand hat. Dieser Inhalt steht im Mittelpunkt der Lektion, wie auch ein ausführlicher deutscher Informationstext zu dem Thema "villa - ein Haus auf dem Land" in derselben Lektion.

Die Grammatik wird am Text eingeführt, ihre dienende Funktion (Mittel zur Texterschließung) bleibt durchgängig im Bewusstsein. Durch die Einführung dieses Lehrwerks für Latein ab Klasse 6 (2. Fremdsprache) und Latein ab Klasse 8 (3. Fremdsprache) hat sich die Fachschaft Latein die oben beschriebenen modernen didaktischen Prinzipien zu eigen gemacht.

Das heißt nicht, dass damit der Charakter des Faches Latein als Sprachfach zugunsten eines rein altertumskundlich ausgerichteten Sachunterrichts aufgegeben wäre. Das Fach Latein versteht sich ausdrücklich als Teil der sprachlichen Säule unseres Schulprofils. Im Mittelpunkt des Faches stehen demnach lateinische Texte, nicht deutsche Übersetzungen. Aber der Text wird eben nicht als Steinbruch der Grammatik, sondern als Träger von bedeutsamen Inhalten gesehen. Weil dazu aber Grundkenntnisse der sprachlichen Phänomene des Lateins unerlässlich sind, ergibt sich folgende Gliederung des Lateinlehrgangs am IKG, die unabhängig davon gilt, ob Latein ab der Klasse 6 oder 8 oder erst in der Jahrgangsstufe gewählt wird.

 

2. Der Lateinlehrgang am IKG

 

Spracherwerbsphase:

In dieser Phase werden die Schüler mit der Systematik der lateinischen Sprache auf allen Ebenen vertraut gemacht:
Morphemik (Deklinations- und Konjugationssysteme), Semantik („Mehrdeutigkeit“ lateinischer Worte etc.) und Syntax („satzwertige“ Konstruktionen wie AcI, Ablativus absolutus). Da die im Unterricht behandelten Texte immer Ausschnitte aus der Welt der Antike darstellen, ist ein dem jeweiligen Alter entsprechender Zugang zur Altertumskunde stets vorhanden, tw. sogar ein Schwerpunkt des Unterrichts. Neben einer Auseinandersetzung mit der eigenen Identität im Spannungsfeld der Antike wird durch die Vielschichtigkeit des Faches eine Methodenkompetenz erworben, die ein selbständig gesteuertes Methoden- und Problembewusstsein der Schüler als Leitziel hat.  Dauer: ca. zwei bis drei Jahre.

 

"Übergangsphase":

In dieser Phase wird das Lehrbuch verlassen und lateinische Originallektüre behandelt. Hier muss die methodische Kompetenz der Schüler aufgrund der leicht gestiegenen Schwierigkeit der Texte weiter ausgebaut werden. Textgrammatische Verfahren sollen hier wiederholt bzw. in den Vordergrund gestellt werden, damit die oben erwähnte Selbständigkeit der Schüler weiter gefördert wird. Neben einer intensiven Wiederholung der sprachlich-grammatischen Phänomene anhand von geeigneten Stellen sind interpretatorische Verfahren einzuüben. Dabei soll es insbesondere um die Aktualisierung der antiken Texte gehen, d.h. um ihren Bezug zur Gegenwart. Die Schüler sollen erkennen, dass bestimmte in den antiken Texten formulierte Probleme anthropologische Konstanten sind; sie sollen aber auch die Andersartigkeit der antiken Welt erfahren. Daneben erfolgt ein Ausbau der altertumskundlichen Kompetenz. (z.B. auch durch Museumsexkursionen, etwa Köln, Kalkriese etc.) Diese Phase geht nach etwa einem Jahr nahezu nahtlos über in die

Lektürephase:

Hier soll die antike Literatur in all ihrer Breite für den Schüler erfahrbar werden; daher soll neben Prosa auch ein gehöriger Anteil an lateinischer Poesie behandelt werden. Die Behandlung kann verschiedenen Richtungen folgen: Rezeption antiker Literatur in Kunst, Musik etc., Entwicklung des antiken Denkens in der Philosophie bis heute...
Hier werden Bezüge zu anderen Fächern fassbar, die bewusst im Rahmen von Projekten aufgegriffen werden sollen und somit den starren Stundenplanrhythmus an einigen Stellen aufbrechen. In Facharbeiten können Schüler ihr Wissen und Methodenbewusstsein präsentieren, das immer wieder kritisch hinterfragt werden muss. Ein solcher Lektüreunterricht kann den Schülern ihre eigene Eingebundenheit in die antike Tradition aufzeigen, unter deren Einfluss wir alle auch heute noch stehen. In diesem Sinne entsteht die von den Richtlinien Latein geforderte "historische Kommunikation", an deren Zustandekommen alle Lateinlehrerinnen und -lehrer des IKG in Zusammenarbeit mit Schülern und Eltern mitwirken möchten. Dauer: etwa ein Jahr bis drei Jahre.

 

3. Der Wert des Faches für die Schüler

Das Fach Latein erfreut sich einer relativ hohen Akzeptanz bei den Schülern des IKG. Das zeigt neben dem jährlich gut belegten Kurs im Differenzierungsbereich der Klasse 8/9 vor allem die Tatsache, dass das Fach durchgängig in allen Jahrgangsstufen der Oberstufe als fortgeführte Fremdsprache präsent. Besonders erfreulich für uns ist dabei, dass es uns in den letzten Jahren durchgängig gelungen ist, einen Leistungskurs einzurichten, und wir dadurch an eine Tradition anknüpfen konnten, die schon einmal am IKG bestand, dann aber Ende der 80er Jahre leider zunächst abriss. Allein dadurch wird deutlich, dass man auch heute noch Schüler vom Sinn dieses Faches überzeugen kann.

Natürlich verbinden auch heute viele Schüler mit Latein einen relativ hohen Schwierigkeitsgrad, die Mühe des Lernens sowie die dafür erforderliche Disziplin. Aber es zeigt sich Schülern oft (vor allem im Rückblick), dass sie mit dem Lateinischen auch vieles gewinnen können. So empfinden Schüler Latein als Fach von hohem allgemeinbildendem Wert, das es immer wieder auch ermöglicht, Querverbindungen zu anderen Wissensgebieten zu ziehen. Das gilt auf der sprachlichen Ebene natürlich im Hinblick auf die romanischen Sprachen und das Englische. Aber auch Verbindungen zu den Fächern Geschichte, Religion, Kunst, Philosophie oder Deutsch ergeben sich häufig, zumal das Fach Latein längst nicht auf die Antike beschränkt und erst recht nicht mehr bloß auf die Autoren Caesar und Cicero fixiert ist, sondern daneben auch die lateinische Literatur des Mittelalters und der Renaissance mit einbezieht.

Ehemalige Schüler unserer Schule berichteten, dass es im Medizinstudium eine erhebliche Erleichterung sei, Grundkenntnisse des Lateinischen zu haben, da sich die Fachterminologie, die ja im wesentlichen dem Lateinischen und Griechischem entlehnt ist, so wesentlich leichter erschließe. Daneben erleben Schüler das Lateinische auch als ein Fach, das systematisches methodisches Vorgehen schult. Ferner spielt natürlich auch bei unseren Schülern der Erwerb des Latinums (bei Beginn ab Klasse 6 mit Ende der Jahrgangsstufe 10 bei mindestens ausreichender Leistung, bei Beginn ab Klasse 8 am Ende der Jahrgangsstufe 12 bei mindestens ausreichender Leistung) eine große Rolle bei der Frage, ob man Latein wählen soll oder nicht.

Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass Latein von Schülern immer wieder als Fach erlebt wird, das bei aller Anstrengung auch Spaß machen kann, das längst nicht nur trockenes Einerlei purer Grammatik sein muss, sondern das durch die Vielfalt der Themen und Arbeitsformen (dazu gehören auch Projekte – z.B. zum Tag der Fremdsprachen – und moderne Unterrichtsformen wie die der Freiarbeit) anderen Fächern durchaus ebenbürtig ist. Die Fachschaft Latein des IKG sieht es als ihre Aufgabe an, möglichst vielen Schülern unserer Schule eine solche Erfahrung von Lateinunterricht zu vermitteln.


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